Die Geldsystem verwirrt die Experten. Haben wir derzeit eine Inflation oder eine Deflation? Und was werden wir in Zukunft haben? Die Ökonomen sind sich so uneins, dass jede Voraussage so zufällig wie ein Münzwurf wird. Die Manipulation der Geldmenge durch die Notenbanken macht Geld beliebig – und unberechenbar. Preise in Euro zu benennen ist so ähnlich, als würde man etwas mit einem ständig schrumpfenden Maß messen wollen. Bitcoin mit seiner fixen Geldmenge könnte dies ändern.

Man müsse noch Chaos in sich haben, sagte Nietzsche, um einen tanzenden Stern zu gebären. Wenn der große Philosoph damit recht hat, hat der Euro gute Karten, in naher Zukunft einen Tanzclub für Gestirne zu füllen.

Haben wir derzeit eine Inflation, in der die Preise steigen? Oder doch eher eine Deflation mit fallenden Preisen? Und wie sind die Aussichten für die Zukunft? Wie sieht es in einigen Monaten, wie in einigen Jahren aus?

Die Experten sind sich in dieser Frage extrem uneins. Am ehesten noch lassen sich ihre Aussagen so lesen wie der Bauernkalender-Scherz,dass wenn der Hahn kräht auf dem Mist, es regnet oder nicht.

Inflation oder Deflation?

Im Juni gab es in Deutschland offiziell eine Preissteigerung von 0,9 Prozent zum Vorjahr. Das ist unter dem Inflationsziel der EZB, das etwas unter zwei Prozent liegt. Schaut man sich allerdings bei den alltäglichen Gütern und Dienstleistungen um, übertrifft die Inflation diese Marke deutlich:

Die Preise beim Frisör sind um 5,1 Prozent gestiegen, die für Restaurant-Besuche um 2,6. Nahrungsmittel stiegen pauschal um 4,4 Prozent, wobei Obst mit 11,1 Prozent herausragt. Dabei verzeichnen Äpfel einen Preisanstieg von 25, Zitronen und Melonen um 30, und Heidelbeeren sogar 41 Prozent. Aber auch Fleisch stieg um satte 8,2 Prozent, während die Preise für Gemüse im April regelrecht explodiert sind: Zucchini stieg um 92, verschiedenen Kohlsorten um 60 und bei Paprika um 56 Prozent. Mittlerweile dürfte sich das wieder etwas beruhigt haben.

Aber auch bei Gebrauchsgütern wie Gartenmöbeln und Gartentischen schlägt eine Preissteigerung von mehr als 10 Prozent zu. Bei Gartenliegen beträgt sie sogar 23 Prozent, bei Sonnencreme 13, bei Gartenschläuchen dagegen 21 Prozent. Auch Koffer, Fahrradträger und Zelte erfahren eine Preiserhöhung von rund 10 Prozent. Die Preise für Immobilien steigen weiter wie bisher, und Versicherungen und Krankenkassen kündigen schon jetzt an, 2021 die Beiträge erhöhen zu werden. Dass die Inflation unter diesen Umständen nur 0,9 Prozent beträgt, liegt lediglich an den stark gesunkenen Preisen für Heizöl und Benzin.

Angesichts dieser massiven Preissteigerung alltäglicher Güter wirkt es surreal, wenn Olli Rehn, ein Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), nicht vor einer Inflation warnt, sondern von einer Deflation. Es fehle die Nachfrage, was zu sinkenden Preisen führe. Auch seine Kollegin Isabel Schnabel fürchtet, dass die Eurozone in den kommenden Monat in eine Deflation der fallenden Preise abgleite. Das Institut der Deutschen Wirtschaft erklärt sogar, dass die Alltagserfahrungen komplett irreführend seien. Es gäbe keine Inflation – vielmehr befinde sich die Eurozone bereits in einer kräftigen Deflation. 14 EU-Länder würden eine negative Inflationsrate verzeichnen, beispielsweise Griechenland mit 1,7, Zypern mit 2,5 oder Italien mit 0,4 Prozent.

Kritiker halten dagegen, dass die offiziellen Warenkörbe nicht die Lebenswirklichkeit wiedergeben. Vor allem nicht in Zeiten zu Corona. Wen scheren günstige Reisepreise, wenn sich keiner mehr ins Ausland traut? Und was helfen Rabatte an den Tankstellen, wenn man im Home Office sitzt? Alternative Indikatoren, wie der Chilli-con-Carne-Index oder die Wiesnmaß-Ratio zeichnen schon lange ein ganz anderes Bild – eines der stärkeren Inflation.

Die Ökonomen sind sich also reichlich uneins in der Frage, ob wir derzeit eine Inflation oder Deflation haben. Das wirkt so surreal, als würden Meteorologen auf der Terrasse sitzen und sich nicht einig sein, ob die Sonne bei ungetrübtem Himmel scheint oder ob es Bindfäden schüttet.

Wie sieht es in Zukunft aus?

Noch chaotischer wird das Urteil der Experten, wenn es um die Zukunft geht. Das Handelsblatt bringt die Orientierungslosigkeit auf den Punkt: Es gibt so viel Geld wie nie, und die Notenbanken kaufen so energisch Anleihen wie noch nie. Das müsste theoretisch in einer Inflation münden – kann aber auch deflationär wirken. Was genau passiert, hängt von der Politik und den Märkten ab. Wenn der Hahn kräht auf dem Mist …

Die Tagesschau beispielsweise sorgt sich vor allem vor einer Deflation. Sie sagt eine „künstliche Deflation“ voraus, die durch die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer verursacht werde. Dabei beruft sie sich auf Stefan Bielmeier, den Chefvolkswirt der DZ Bank, der eine negative Inflationsrate von 1,0 Prozent im Juli erwartet, sowie auf Holger Schmieding, den Chefvolkswirt der Berenberg Bank, der die Inflationsrate im laufenden Monat auf minus 0,8 Prozent schätzt.

Gleichzeitig zitiert die Tagesschau auch Wirtschaftswissenschaftler, die sich vor einer Inflation Sorgen. Etwa Andrew Wilson von Goldman Sachs Asset Management, der daran erinnert, dass eine hohe Schuldenlast von Regierungen meist in einer Inflation endete. Ebenso sieht sich Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnert, in der Deutschland versuchte, eine Krise mit frisch gedrucktem Geld zu bekämpfen und dafür eine Hyperinflation erntete.

Die FAZ dagegen zitiert den Ökonomen Karsten Junius von der Bank Sarasin, der für die kommenden Monate eine starke Deflation erwartet. Das Schweizer Finanzportal TheMarket dagegen benennt eine Reihe von Investoren und Ökonomen, die eine erhebliche Inflation befürchten. Der berühmte Ökonom Peter Bofinger hingegen erklärt den „deutschen Inflations-Phobikern“, dass das Risiko einer Deflation sehr viel größer sei als das einer Inflation. Dem widerspricht der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, in einem Podcast des bayerischen Rundfunks. Er hält eine Inflation für durchaus möglich.

Vermutlich könnte man ewig so weitermachen. Ein Ökonom fürchtet eine Inflation, der andere eine Deflation. Prognosen, ob es morgen regnet oder nicht, scheinen keinerlei wissenschaftliche Basis mehr zu haben, sondern eher Geschmackssache der Experten zu sein. Das Geldsystem scheint sich dem rationalen Zugriff und jeder Berechenbarkeit entzogen zu haben.

Das zitternde Maß

Natürlich gibt es Faktoren, die auf die Preise wirken, und die nichts mit der Geldpolitik zu tun haben. Corona beispielsweise führte zu einem Einbruch von Nachfrage und Produktion, der Einsturz der Ölpreise war vor allem Folge der russischen Politik, und die enorme Preissteigerung von Zucchini sind eine Folge davon, dass die Importe aus Italien und Spanien coronabedingt einbrachen. Auch das Wetter hat einen nicht zu entscheidenden Einfluss auf die jährlichen Obst- und Gemüsepreise. Preise sind eben ein Spiegelbild der Märkte, und diese sind niemals vollständig berechenbar.

Allerdings fügt die Geldpolitik der Notenbanken dem Chaos der Märkte weitere Unsicherheitsfaktoren hinzu. Wenn ein Gremium von Experten bei unvorhergesehenen Ereignissen, wie einer Wirtschaftskrise, beginnt, die Geldmenge zu manipulieren, macht sie damit das gesamte Szenario noch schwerer zu durchschauen. Wie soll man die künftige Preisentwicklung voraussagen, wenn es unmöglich ist, die künftige Geldmenge zu erahnen? Kann man den Euro unter diesen Bedingungen überhaupt als Geld ernstnehmen?

Preise als Indikator für die Kaufkraft werden zunehmends bedeutungslos. Die „alten“ Währungen, die wie Pfund, Taler oder Dukaten auf Edelmetallen beruhten, behielten ihren Wert über eine sehr lange Zeit. Wenn jemand sagte „1 Taler“ hatte diese Summe über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dieselbe Bedeutung. Der Euro hat diese Konsistenz schon nach gerade mal 20 Jahren eingebüßt. 100 Euro Anfang der 2000er waren etwas ganz anderes als 100 Euro heute. Wie soll auch eine Maßeinheit, die sich selbst ständig bewegt, geeignet sein, präzise zu messen? Ein Geld, dessen Menge sich unkontrolliert ändert, als Basis für Preise zu verwenden, ist so, als würde man eine Waage benutzen, für die sich das Gewicht eines Kilogramms alle paar Monate ändert. Man misst mit einem zitternden Maß.

Ist das gut oder schlecht? Ich kann das nicht beantworten. Die Volkswirtschaften der „harten Währungen“ waren von großem Elend, starker Ungleichheit und wenig Fortschritt geplagt. Ob das am Geld lag, oder schlicht an anderen technischen und gesellschaftlichen Standards, ist unmöglich zu sagen. Vielleicht ist es gerade die moderne Geldpolitik, die uns davor bewahrt, ins Elend zurückzufallen; vielleicht aber legt sie uns einen Wachstumszwang auf, der sowohl für Mensch als auch Umwelt ungesund ist, weil er uns ständig zu mehr antreibt, anstatt uns zu erlauben, die Früchte unserer Zivilisation zu genießen. Oder ist es kein Skandal, dass Menschen auch nach Jahrtausenden des technischen Fortschritts weiterhin jeden Tag arbeiten müssen?

Geld mit weniger Unsicherheit

Was wäre, wenn man den Unsicherheits-Faktor „Geldmenge“ aus dem System entfernt? Man wäre bei Bitcoin. Die Geldmenge bei Bitcoin ist streng durch einen Algorithmus definiert. Es wird niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins geben, und deren Ausschüttung im Lauf der Zeit ist exakt reglementiert. Man weiß zu jedem Zeitpunkt relativ genau, wie viele Bitcoins es in jedem beliebigen zukünftigen Moment geben wird. Alles ist genau vorausberechenbar.

Dies macht Bitcoin zu einem „harten Maß“. Das Kilogramm dieser Waage bleibt für immer gleich, der Meter ändert nicht ständig seine Länge. Kurzfristig ist Bitcoin vielleicht volatil. Aber langfristig kann er eine sehr viel stabilere und präzisere Einheit sein, um Werte zu messen. Bitcoin würde einen Unsicherheitsfaktor aus dem Geldsystem entfernen – die inflationierende Geldmenge – und einen neuen Fixpunkt einrichten, der Stabilität und vor allem Berechenbarkeit schafft.

Im Vergleich mit der stetig wachsenden Geldmenge des Euro ist Bitcoin auf lange Frist ein gutes Investment. Der Euro hat bisher Jahr für Jahr an Wert verloren, mal mehr, mal weniger, zum Teil auch so milde, dass es kaum auffiel, aber so zuverlässig wie ein Uhrwerk. Die Flucht in Bitcoin als Investment wird zwar dem Einzelnen helfen, sich vor Wertverlusten zu schützen. Aber dasselbe machen auch Immobilien, Gold und Aktien. Um das Chaos zu bändigen, müsste man das zitternde Maß durch ein fixes Maß ersetzen – man müsste Bitcoin als Geld verwenden.

Und Bitcoin meint: Keine Stablecoins, und keine Altcoins mit starker oder ungewisser Inflation. Sondern Bitcoin oder eine andere Kryptowährung mit einer stark und dezentral kontrollierten Schöpfung der Geldeinheiten. Derzeit stockt die Verbreitung von Bitcoin als Geld jedoch. Sogar in der Kryptoszene wächst das Bedürfnis nach einem sogenannten „Stablecoin“, der die Instabilität des Fiatgeldes wiederspiegelt. So als hätte man die Idee, ein neues, besseres Geld zu schaffen, ganz vergessen, weil Händler und Unternehmen unter der kurzfristigen Volatilität ächzen.

Eventuell muss erst das Fiatgeld tatsächlich zugrundegehen und seinen Wert in einer extremen Inflation verpuffen, bevor die Welt Appetit darauf bekommt, Bitcoin als echtes Geld zu verwenden. Aber wenn man eines aus der Geschichte weiß, dann dies: Die Frage ist nicht, ob dies geschieht, sondern wann.